23.11.2022, Polizeipräsidium München

Sie geben sich als Polizeibeamte aus und belügen ihre Opfer schamlos am Telefon. Immer wieder gelingt es den Tätern beim (bandenmäßig) „organisierten Callcenterbetrug“ vor allem lebensältere Menschen mit erfundenen Geschichten um ihr gesamtes Erspartes zu bringen. Sei es der angebliche Einbruch oder ein tödlicher Verkehrsunfall – das Ziel der Täter ist klar. Die Angerufenen werden massiv unter Druck gesetzt und dazu gebracht Wertgegenständen oder hohe Bargeldbeträge an völlig fremde Personen zu übergeben.

„Ich hat´ nen schrecklichen Autounfall […] Ich bin eben grad bei der Polizei. Ich wurd grad festgenommen. Ich hab ne Frau überfahren […] bitte hol mich hier raus - es tut mir leid!“  

Ein lohnendes „Geschäft“ für die Täter, denn jährlich erschwindeln sich die Kriminellen mit dieser Betrugsmasche alleine in München Millionenbeträge. Oft leiden die Opfer danach außerdem an psychischen oder emotionalen Schäden, die nur schwer zu therapieren sind.

Die Zielgruppe

Die Opfer im Zuständigkeitsbereich der Münchner Polizei sind bislang nahezu ausschließlich lebensältere und aus Tätersicht hinreichend vermögende Menschen.

 

Die Vorgehensweise der Täter ist immer ähnlich. Sie geben sich am Telefon als Polizeibeamter, Amtsträger (z.B. Staatsanwalt) oder sogar naher Angehöriger aus und versuchen ihre Opfer unter verschiedenen Vorwänden dazu zu bringen, die vorhandenen Vermögenswerte zu übergeben. Dabei nutzen die Täter eine spezielle Technik, die bei den Angerufenen die polizeiliche Notrufnummer 110 oder eine andere (echte) örtliche Telefonnummer auf dem Telefondisplay anzeigt.

Häufige Vorwände sind aktuell:

  • Nach einem vermeintlichen Einbruch in der näheren Umgebung sollen vorhandene Wertsachen zur „Eigentumssicherung“ oder „Spurensicherung“ vorübergehend in Verwahrung genommen werden.
  • Nach einem tödlichen Verkehrsunfall durch einen nahen Angehörigen muss eine „Kaution“ zur Abwendung einer Haftstrafe oder medizinischen Versorgung gezahlt werden. Dazu soll das Opfer Wertgegenstände oder Bargeld übergeben.
  • Das Opfer soll die „Polizei“ bei aktuellen Ermittlungen gegen angeblich kriminelle Bankmitarbeiter unterstützen bzw. dort aufbewahrte Vermögenswerte zur Eigentumssicherung übergeben.

Die Täter halten ihre potentiellen Opfer oft stundenlang in der Telefonleitung und beschäftigt. Dadurch werden die Angerufenen nicht nur massiv unter psychischen Druck gesetzt, sondern auch Stress aufgebaut. Ein gedanklicher Ausstieg aus der Gesprächsführung ist für die Opfer dann oft nicht mehr möglich. Die Telefonleitung wird dabei nie unterbrochen.

Phase 1 | Kontaktaufnahme

Die Angerufenen sind auf eine betrügerische Gesprächssituation oft gedanklich nicht vorbereitet. Der Telefonanruf mit schockierenden Nachrichten klingt zudem oft überzeugend und erzeugt deshalb vor allem Stress. Es entsteht eine emotionale Gesprächsdynamik in deren Verlauf der Druck auf das potentielle Opfer zunehmend verstärkt wird. Häufig befragen die Täter ihre potentiellen Opfer schon während des Gesprächseinstiegs unverfänglich nach persönlichen Informationen oder Vermögensverhältnissen und erfahren so beispielsweise auch die Vornamen von nahestehenden Personen.

Phase 2 | Stress

Schon mit dem gewählten Gesprächseinstieg erzeugen die Telefonbetrüger bei ihrem potentiellen Opfer zumindest Stress. Dieser wird im weiteren Gesprächsverlauf weiter verstärkt und durch die vorgebrachte Notsituation ein gewisser Handlungsdruck aufgebaut. Dazu betonen die Anrufer immer wieder, dass ein Verfahrensausgang oder das Schicksal der Angehörigen von der alleinigen Entscheidung und Kooperation des Opfers abhängen. Das potentielle Opfer wird oft stundenlang mit (sinnlosen) Aufgaben beschäftigt und mental bearbeitet. In fast allen Fällen soll das Opfer absolutes Stillschweigen bewahren bzw. bei konkreten Nachfragen eine zuvor mitgeteilte Geschichte erzählen.

Phase 3 | Handlung

Sobald ein Opfer bereit ist Vermögenswerte zu übergeben, wollen die Telefonbetrüger dies schnellstmöglich umsetzen. Dazu werden vermeintliche Kuriere einer Behörde oder vermeintliche Amtsträger in die Nähe der Wohnanschrift geschickt oder das Opfer zu einer bestimmten Übergabeörtlichkeit gelotst. Um das eigene Entdeckungsrisiko zu minimieren, dürfen die Opfer weiterhin nicht auflegen und müssen manchmal sogar die vermeintlichen Polizeibeamten über ihre eigenen Beobachtungen informieren. Ist das Geld erstmal übergeben, wird das Telefongespräch sofort beendet oder das Opfer noch zu verschiedenen weiteren Orten geschickt. Teilweise wird auch in Aussicht gestellt, dass das Geld angeblich später bei einer Polizeidienststelle abgeholt werden kann.

 

Täterspezifik

Viele der Anrufe kommen aus kriminellen Callcentern in der Türkei oder Osteuropa. Dort halten sich meist auch die oberen Führungsebenen dieser kriminellen Bandenstrukturen auf.

„Die Telefonbetrüger haben ein kriminelles Netzwerk mit komplexen Infrastrukturen aufgebaut und damit in den zurückliegenden Jahren Millionenbeträge gemacht“

Innerhalb dieser kriminellen Netzwerke besteht eine feste Aufgabenverteilung mit unterschiedlichen Funktionen. Die künftigen Telefonisten werden meist über Stellenangebote in einschlägigen Magazinen oder auf Internetportalen angeworben und eine lukrative Verdienstmöglichkeit in Aussicht gestellt.

Keiler

Die Anrufer (sogenannte „Keiler“) agieren von Callcentern im Ausland und sind innerhalb der Bandenstruktur für die erste telefonische Kontaktaufnahme bzw. das Einstiegsgespräch zuständig. Sie fordern unter verschiedenen Vorwänden hohe Vermögensbeträge von den Opfern und kündigen gleichzeitig einen Abholer an. Manchmal werden sie dabei von sogenannten „Abschließern“ unterstützt, die dann das Telefongespräch weiterführen.

Logistiker

Die Logistiker sind die Managementebene der Bandenstruktur und eng mit den Keilern / Abschließern vernetzt. Sie organisieren (häufig ebenfalls) aus den Callcentern heraus die Abholung der Tatbeute und koordinieren den Einsatz der Abholer in den verschiedenen Städten.

Abholer

Die Abholer sind auf der niedrigsten Hierarchieebene der Bandenstruktur. Sie nehmen die Tatbeute entgegen und sind deshalb zugleich auch eine Schwachstelle für die Täter, denn bei der Geldübergabe müssen sie zwangsläufig Kontakt mit den Opfern aufnehmen.

 

Opferspezifik

Das Lebensalter der Opfer (zum Erfassungszeitpunkt der registrierten Straftaten) beginnt meist ab 50 Jahre. Häufig haben diese auch traditionell klingende oder wenig gebräuchliche deutsche Vornamen. Viele der, gleichermaßen weiblichen wie männlichen, Opfer sind alleinstehend oder leben alleine.

 

Der organisierte Callcenterbetrug ist für die Täter sehr einträglich, denn einige Großfamilien haben sich mit dieser Betrugsmasche regelrechte Geschäftsstrukturen aufgebaut. Denn die Opfer übergeben oft hohe Vermögensbeträge und nicht selten ihr gesamtes Erspartes an die Kriminellen. Dadurch vernichten die Täter nicht nur eine finanzielle Lebensgrundlage ihrer Opfer, sondern verursachen manchmal auch tiefgreifende psychische oder emotionale Schäden. Teilweise bemerken die Opfer den Betrug erst zu spät oder zeigen diesen aus falsch verstandenem Schamgefühl nicht an.

Hinweise zum Erkennen

Die Strategien der Täter an Vermögenswerte zu gelangen, sind mindestens genauso vielfältig wie deren erfundene Geschichten. Ein gesundes Misstrauen ist deshalb die beste Prävention. Das gilt insbesondere immer dann, wenn sensible Daten oder persönliche Informationen telefonisch abgefragt werden.

„Die Nummer auf dem Telefondisplay liefert lediglich einen Anhaltspunkt, wer der Anrufer sein könnte. Sie ist keineswegs eine sichere Identifikationsmöglichkeit.“

Vergewissern Sie sich bitte durch einen selbstständigen Anruf beim Polizeinotruf 110, ob es sich tatsächlich um einen echten Anruf handeln könnte. Wenn Sie dort anrufen, vergewissern Sie sich unbedingt, dass die vorherige Telefonverbindung mit dem Anrufer definitiv getrennt (aufgelegt) ist oder nutzen Sie ggf. ein anderes Telefon für Ihre Rückfrage bei der Polizeidienststelle.

  • Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen und legen Sie im Zweifel einfach auf.
  • Sprechen Sie immer mit nahestehenden Personen oder Familienangehörigen über ungewöhnliche Telefonanrufe.
  • Gehen Sie nicht ans Telefon, wenn die Nummer unterdrückt oder Ihnen nicht bekannt ist. Lassen Sie den Anrufenden auf Ihren Anrufbeantworter sprechen und vergewissern Sie sich im Zweifel über den Notruf 110 in Ruhe, ob es mit dem Anruf seine Richtigkeit haben kann.
  • Machen Sie keine Angaben über finanzielle Verhältnisse am Telefon.
  • Die Polizei oder vergleichbare Amtspersonen werden Sie niemals telefonisch um die Aushändigung von Bargeldbeträgen oder Wertsachen bitten.
  • Die Übergabe eines Vermögensbetrages oder einer angeblichen „Kaution“ schützt keinesfalls vor Strafverfolgung, noch ist eine ärztliche Behandlung von einer vorherigen Geldzahlung abhängig.
  • Übergeben Sie grundsätzlich niemals Geld an fremde Personen und stellen Sie auch niemals Wertgegenstände zur Abholung vor die Tür.
  • Lassen Sie grundsätzlich keine Unbekannten in Ihre Wohnung.

 

Telefonbucheintrag

Wenn Sie Ihren Vornamen im Telefonbuch abkürzen lassen oder sogar ganz weglassen, können Sie von Telefonbetrügern nur schwer ausfindig gemacht werden. Wenden Sie sich dazu an Ihren Telefonanbieter.

Hinweise für Angehörige

Einige Bankinstitute haben auf diese Betrugsmasche reagiert und bieten verschiedene Vorsorgemöglichkeiten, wie beispielsweise einen zusätzlichen Einwilligungsvorbehalt, bei der Auszahlung hoher Vermögensbeträge an. Sprechen Sie ggf. mit Ihren lebensälteren Angehörigen auch über solche Möglichkeiten und helfen Sie damit diese vor einem finanziellen Schaden zu bewahren.


 

Das Kommissariat 105 (Opferschutz und Prävention) ist Ansprechpartner für alle Kriminalitätsopfer. Es informiert über den grundsätzlichen Ablauf eines Strafverfahrens und über Opferrechte, erläutert polizeiliche Maßnahmen und Möglichkeiten. Neben Verhaltenshinweisen zur Vorbeugung, werden auch Beratungsstellen und Hilfeeinrichtungen vermittelt. Eine anonyme Beratung ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Die Opferberatung ist unter 089/2910-4444 während der nachgenannten Zeiten für alle Kriminalitätsopfer erreichbar.

Montag - Donnerstag: 08.00 - 11.00 Uhr und 13.00 - 15.00 Uhr,
Freitag: 08.00 - 11.00 Uhr

Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/betrug/betrug-durch-falsche-polizisten/